Nicht die interessanten Verlierer. Nicht die, die wenigstens einmal auf die Schnauze gefallen waren und danach wieder aufstanden. Nein. Die Sorte, die seit zwanzig Jahren auf derselben Stelle steht und inzwischen glaubt, die Welt sei schuld daran, dass sie keinen Meter weitergekommen ist.
Einer hatte ein Bier vor sich und erklärte gerade die Gesellschaft. Er hatte noch nie eine Firma geführt, noch nie jemanden eingestellt, noch nie eine Rechnung für fünf Leute unterschrieben und wahrschein-lich auch noch nie eine Entscheidung getroffen, die mehr gekostet hatte als sein Fernsehapparat.
Aber er wusste genau, wie Wirtschaft funktioniert. Das ist die wunderbare Eigenschaft des politischen Idioten: Je weniger er vom wirklichen Leben versteht, desto größer wird seine Sicherheit. Er redete von Gerechtigkeit. Natürlich. Gerechtigkeit ist das Lieblingswort der Leute, die gern etwas vom Teller des anderen nehmen, solange sie dabei ein gutes Gewissen behalten dürfen. In meiner Jugend gab es mal einen Spruch der Sozis: "Erst essen wir Dein´s, dann ess ich mein´s"
Neben ihm saß einer der aussah, als hätte er im Bart seine letzte Hoffnung versteckt. Der hatte einen Universitätsabschluss. Irgendwas mit Gesellschaft. Seit acht Jahren machte er nichts anderes, als darüber zu reden, warum andere Menschen alles falsch machten. Er hatte keine Kinder. Kein Unternehmen. Kein Risiko. Keine Verantwortung.
Aber eine Meinung. Eine verdammt große. Meinungen waren überhaupt reichlich vorhanden an diesem Tresen. Leistung eher weniger. Sie redeten über die Reichen. Porsche weg - Rolex weg!
Über die Ausbeuter. Über die Konzerne. Über die Rechten. Über die Alten. Über die Polizei. Über das System. Über alles, was ihnen das Gefühl gab, dass ihr eigenes jämmerliches Leben nicht ihre eigene Angelegenheit war. Das ist der Trick.
Wenn du dein Leben selbst verbockt hast, brauchst du jemanden, dem du die Rechnung schicken kannst. Und die Politik liefert solche Leute frei Haus. Sie sitzen dort mit ihren Krawatten, Mikrofonen und perfekt ausgeleuchteten Gesichtern und erzählen dir, dass sie dich retten werden.
Vor dem Klima. Vor dem Kapitalismus. Vor dem Faschismus. Vor den Nazis. Vor dem Nachbarn. Vor dir selbst. Und während sie dich retten, steigen ihre Diäten. Irgendwie muss die Revolution ja finanziert werden.
Der kleine Mann am Tresen findet das großartig. Endlich jemand, der seine Wut in eine politische Theorie verwandelt. Denn Wut allein ist hässlich. Wut mit einem Parteiprogramm bekommt plötzlich einen Dienstwagen. Das ist der Moment, in dem aus dem frustrierten Niemand ein Funktionär wird.
Ein Mensch, der sein ganzes Leben lang nichts zustande gebracht hat, bekommt plötzlich Macht über Menschen, die tatsächlich etwas zustande bringen und wird Finanzminister oder Bundesminister:innen für Arbeit und Soziales.
Das ist ungefähr so, als würde man einem Säufer den Getränkemarkt übergeben und ihn anschließend fragen, warum die Regale leer sind. Aber sie fühlen sich groß. Verdammt groß. Denn da draußen gibt es Menschen, die Häuser bauen, Unternehmen gründen, Arbeitsplätze schaffen, Risiken eingehen und morgens aufstehen, obwohl sie keine Lust dazu haben. Und das ist schwer zu ertragen für jemanden, der sein eigenes Versagen zur politischen Weltanschauung gemacht hat.
Also wird der Erfolgreiche zum Feind. Nicht weil er etwas Böses getan hat. Sondern weil seine Existenz eine unangenehme Frage stellt:
Warum hat der es geschafft und ich nicht?
Diese Frage säuft man besser weg. Oder man gründet eine Bewegung. Man kann aus jedem Minderwertigkeitskomplex eine Ideologie machen, wenn man genügend Mikrofone findet. Und plötzlich wird aus persönlicher Unfähigkeit gesellschaftliche Ungerechtigkeit.
Aus Neid wird Moral. Aus Hass wird Aktivismus. Aus Zerstörung wird Widerstand.
Und aus einem Haufen frustrierter Gestalten wird eine politische Partei. Dann sitzen sie irgendwann im Parlament. Mit Staatskarossen. Auf Steuerzahlerkosten. Und erzählen dir etwas über soziale Gerechtigkeit. Das Leben hat manchmal einen schwarzen Humor. Man muss ihn nur lange genug beobachten.
Der Barkeeper stellte mir noch einen Wein hin. „Was hältst du von denen?“, fragte er.
Ich sah zum Fernseher. Da sprach gerade einer dieser Erlöser. Er erklärte, wie die Welt funktionieren müsse. Ich nahm einen Schluck.
„Wenn die alle irgendwann anfangen würden, ihr eigenes Leben aufzuräumen“, sagte ich, „wäre die Politik wahrscheinlich in drei Wochen arbeitslos.“
Der Barkeeper grinste. Dann drehte er den Fernseher leiser.
Das war an diesem Abend vermutlich die vernünftigste politische Entscheidung.
