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Die Nummer läuft immer gleich. Irgendein Kerl im Amt, der jeden Tag einen Fehler macht, den man in diesem Job machen kann: öffentlich zu atmen. Ein Wort daneben, ein müder Blick, eine schlechte Kameraeinstellung – und die Meute ist wach. Zeitungen zuerst, weil die wenigstens noch ein Impressum haben. Dann das Fernsehen. Und dann die Hauptattraktion, die eigentliche Kloake: die sogenannten sozialen Netzwerke, sozial wie eine Faust im Gesicht um drei Uhr nachts, wenn der Türsteher schon nach Hause ist.
Man sagt, man erkennt einen Menschen daran, wie er mit Macht umgeht. Stimmt vielleicht. Aber man erkennt einen ganzen Saufladen von einer Nation daran, wie er über die Ohnmacht der eigenen Mächtigen herfällt wie eine Horde Wölfe über ein Reh, das sich den Fuß verstaucht hat. Wir grölen. Wir teilen. Wir hauen drei Ausrufezeichen raus, als hätten wir gerade Geschichte geschrieben, statt bloß auf ein Display getippt. Weltmeister im Zusehen, wenn wer stolpert. Blutige Anfänger, wenn's ums eigene Aufstehen geht.
Das Ausland lacht über uns, heißt es. Sollen sie doch, die Wichser. Die haben ihre eigenen Kneipenschlägereien, ihre eigenen Klamaukfiguren mit Krawatte, ihre eigenen Rudel, die auf Likes geiler sind als auf echten Antworten. Wir sind kein Sonderfall. Wir sind bloß eine weitere Filiale in derselben miesen Kette billiger Spelunken.
Was mich wirklich ankotzt, ist nicht der Mann da vorne am Pult. Gleich wie unfähig er in diesem Falle ist. Der ist bloß ein Kerl mit Anzug und Tagesform, so beschissen wie jeder von uns nach der dritten Runde. Was mich ankotzt, ist das Gewerbe, das aus seinem Straucheln eine Dauerschicht macht. Ein Algorithmus, der aus Wut billiger Schnaps macht als der hier in meinem Glas, und ein Saal voller Trinker, die nie genug kriegen.
Irgendwann, denke ich mir, mit dem vierten Wein schon im Anmarsch, müsste mal einer die Kamera umdrehen. Nicht auf den Typen am Pult. Auf uns, die wir hier im Halbdunkel sitzen, grölen, uns gegenseitig auf die Schulter hauen, während das Land, um das es eigentlich gehen sollte, längst irgendwo im Nebel verschwunden ist – ersoffen in unserer eigenen, selbstgefälligen Kneipenstimmung.
Aber das wär wohl zu ehrlich für einen Freitagabend. Noch einen, Wirt.
